Lesezeit: 5 Minuten

Seit 2004 stieg die Anzahl der stationären Behandlungen in Deutschland von 16,5 auf 19,5 Millionen und ist damit auf einem Rekordhoch. Und obwohl immer mehr Menschen in Krankenhäusern behandelt werden müssen, sinkt die Zahl der Krankenhausbetten kontinuierlich. Im Jahr 2016 gab es über 70.000 Krankenhausbetten weniger als noch 1998, sodass inzwischen nicht mal mehr eine halbe Million Betten zur Verfügung stehen - die Tendenz ist weiter sinkend. Was hinter diesem scheinbaren Widerspruch steckt und weshalb diese Entwicklung noch zu Problemen führen wird:

Der demographische Wandel in Deutschland ist bekannt, die Bevölkerung wird immer älter und damit wird auch die Gruppe derer immer größer, die am häufigsten stationär behandelt werden müssen: Die über 60-jährigen werden 2020 fast 30% der Bevölkerung ausmachen, was die Anzahl der stationären Behandlungen zu weiteren Rekordzahlen führen wird. Wie kann es also sein, dass die Zahl der verfügbaren Krankenhausbetten seit Jahren sinkt? Dies hängt mit der durchschnittlichen Bettenauslastung zusammen, die 2016 bundesweit bei rund 78% lag und damit über vier Prozent niedriger als noch vor der Jahrtausendwende. Obwohl dieser Wert der höchste seit 2003 ist, scheinen Politik und Wirtschaft die Zahl zu unterschätzen. -Diese konträre Entwicklung der Anzahl an Behandlungen im Vergleich zur Bettenauslastung kommt durch die verkürzte Verweildauer bei stationären Behandlungen zustande.- Die vermeintlich geringe Auslastung nahm Angela Merkels damaliger Bundesminister für Gesundheit, Hermann Gröhe, 2014 zum Anlass, die ohnehin sinkende Anzahl der Betten weiter reduzieren zu wollen . Mit solchen Forderungen lässt der zuständige Minister allerdings die Tatsache außer Acht, dass ein deutschlandweit über den Zeitraum eines Jahres ausgerechneter Durchschnittswert kaum aussagekräftig ist, um spezielle Situationen bewerten zu können. So ist die Bettenauslastung an Wochentagen deutlich höher als an Wochenenden. Auch auf Grippewellen und sonstige Stoßzeiten für Krankenhäuser muss man vorbereitet sein.

Grippewellen führen zu vollen Häusern, volle Häuser zu vermehrten Todesfällen

Immer wieder melden Krankenhäuser, sie seien voll ausgelastet. So warnten Ärzt*innen im Februar 2017 vor einer extremen Grippewelle in Nordrhein-Westfalen, als erste Krankenhäuser volles Haus meldeten. Im Rhein-Sieg-Kreis zum Beispiel wurden Ende Januar 2017 alle sechs Krankenhäuser „voll“ gemeldet und standen nur noch für akute Fälle zur Verfügung. In Bergisch Gladbach schlossen zwei Kliniken, um sich ausschließlich mit Notfällen zu beschäftigen. Dies zeigt in kleinem Rahmen die Misere der Auslastungsstatistik, da das statistische Bundesamt Winter-, Sommer-, Wochentage und Wochenenden sowie Ferienzeiten in einen Topf wirft und sich auf dem vermeintlich angenehmen Ergebnis ausruht. Es ist jedoch sinnvoller, Kapazitäten zu schaffen, sodass auch in Stoßzeiten die Auslastung nicht zu hoch wird. Diese Situation führt für das beschäftigte Ärztepersonal zu Stresssituationen, worunter die Behandlung der Patient*innen schließlich leidet. Die Studie Stress on the Ward: Evidence of Safety Tipping Points in Hospitals kam 2013 nach Betrachtung von von über 82.000 Krankenakten aus 83 deutschen Krankenhäusern zu dem Ergebnis, dass der Druck auf das Personal ab einer Auslastung von 92,5% so hoch wird, dass es vermehrt zu vermeidbaren Todesfällen kommt. Die Krankenhäuser seien auf eine Auslastung von höchstens 90% ausgelegt und haben Schwierigkeiten, die erhöhte Auslastung zu kompensieren.

Mehr private Krankenhäuser, weniger Personal, die Aktionäre gewinnen

Eines der großen Probleme dieser Entwicklung ist die vermehrt auftretende Privatisierung des Krankenhaussektors. So stellen private Krankenhäuser 2016 18,7% der verfügbaren Betten in Deutschland. Bei Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen sind es bereits 65,7%. Bedenklich ist hierbei die Tatsache, dass die privaten Einrichtungen das Ziel haben, Gewinne zu erwirtschaften, während öffentlichen Krankenhäusern keine Gewinne zustehen. Dies führt dazu, dass private Krankenhäuser im Verhältnis zu der Anzahl behandelter Patient*innen deutlich weniger Personal beschäftigen als staatliche oder gemeinnützige Krankenhäuser. Den Aktionär*innen scheint es nicht sinnvoll, bei einer durchschnittlichen Auslastung von 78% mehr Personal zu beschäftigen, da ihre Renditen darunter leiden würden. Der Gewinn drängt sich in den Vordergrund in einem Bereich, bei dem wirtschaftliche Interessen höchstens im Hintergrund eine Rolle spielen sollten. Gleichwohl gibt es keinen Trend in Richtung öffentliche Krankenhäuser. Im Gegenteil: der Trend zeigt in Richtung Privatisierung. Deutschland steuert durch den demographischen Wandel auf eine Zukunft der steigenden Anzahl an Behandlungen zu und die bestmögliche Arbeits- und Behandlungsqualität für Personal und Patient*innen in Krankenhäusern steht auf dem Spiel.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157049/umfrage/anzahl-krankenhausbetten-in-deutschlandseit-1998/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1217/umfrage/entwicklung-der-gesamtbevoelkerung-seit-2002/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2617/umfrage/anzahl-der-krankenhaeuser-in-deutschlandseit-2000/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157148/umfrage/anzahl-privater-krankenhaeuser-seit-2004/

https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Krankenhaeuser/Krankenhaeuser.html

https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2017/08/PD17_276_231.html

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2604/umfrage/durchschnittliche-verweildauer-im-krankenhausseit-1992/

https://data.worldbank.org/indicator/SP.POP.TOTL?locations=DE

http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61541/altersstruktur

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157058/umfrage/fallzahlen-in-deutschen-krankenhaeusernseit-1998/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157050/umfrage/bettenauslastung-in-deutschenkrankenhaeusern-seit-1998/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157225/umfrage/vorsorge--und-reha-einrichtungenbettenauslastung-seit-1998/

http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/Kliniken-in-der-Region-sind-voll-article3464394.html

http://www.health.jbs.cam.ac.uk/research/current/downloads/120806_stress_on_the_ward.pdf

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/58509/Je-hoeher-die-Bettenauslastung-im-Krankenhaus-destohoeher-die-Mortalitaetsrate