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Kaum ein Wirtschaftszweig steht so prominent für schlechte Arbeitsbedingungen wie die Modebranche: Es gibt zahlreiche Berichte über Kinderarbeit und niedrigste Löhne bei der Produktion von Kleidung. Sowohl günstige Kleidungsstücke als auch teurere Marken sind davon betroffen. Kleine Bekleidungshersteller, die sich gegen diese Missstände stellen, gibt es genug. Sie zu finden, ist schon schwieriger. Daher hat es sich der New Hand-Shop zur Aufgabe gemacht, diese Marken zu bündeln und für Konsument*innen einfacher zugänglich zu machen. 

Hilferufe in den Etiketten von Primark-Kleidung und der Einsturz der Rana Plaza-Textilfabrik in Bangladesch mit über 1100 Toten waren wohl die Vorfälle innerhalb der Modebranche, die in den letzten Jahren die größte mediale Aufmerksamkeit erhielten. Primark erwirtschaftet dennoch seit 2008 jedes Jahr aufs Neue Rekordumsätze in Europa und der tragische Fabrikeinsturz mit den vielen Todesfällen führte zwar zu generellen Verbesserungen der Gebäudesicherheit in Bangladesch, an der niedrigen Bezahlung und den schlechten Arbeitsbedingungen änderte der Vorfall allerdings nichts. 

H&M schreibt in seinem Nachhaltigkeitsbericht von 2017, man habe eine Absichtserklärung unterzeichnet, die existenzsichernde Löhne garantieren soll. Noch 2016 legte die niederländische NGO SOMO (The Centre for Research on Multinational Corporations), welche auf Recherchen zu internationalen Großkonzernen spezialisiert ist, eine Studie vor, nach der Zulieferfabriken des Großkonzerns in Myanmar Kinder beschäftigen und oft nicht einmal den Mindestlohn von 2,48€ pro Tag bezahlen. Nicht nur H&M lässt unter diesen Bedingungen produzieren, auch Primark nutzte diese Fabriken offenbar zur Produktion. 

Primark gab in dem Zusammenhang an, nicht mehr mit betroffenen Fabriken zusammenzuarbeiten. Dies ist ebenso wie die Absichtserklärung von H&M eine erfreuliche Entwicklung, jedoch sind die Unternehmen der sogenannten Fast Fashion-Industrie zu Niedrigpreisen gezwungen, um das eigene Geschäftsmodell zu bedienen. Dies zielt darauf ab, mehrmals im Jahr neue Kollektionen auf den Markt zu bringen. Kleidung verkommt hier zur Wegwerfware, Kund*innen werden fortlaufend zu Neukäufen und Überkonsum animiert. Kleinere Schritte von Kleidungsmarken in Richtung besserer Arbeitsbedingungen scheinen nach einem gewissen Maß an öffentlicher Kritik möglich, große Verbesserungen für Arbeiter*innen und Umwelt  und damit verbundene Preissteigerungen stehen allerdings im Widerspruch zu der eigenen Strategie. 

Immer schneller möchte die Fast Fashion-Industrie ihre Waren verkaufen und diese zudem immer günstiger herstellen, sodass sich weltweit die Menge der produzierten Kleidungsstücke zwischen 2000 und 2014 verdoppelt hat. In Deutschland stiegen die Preise für Kleidung zwischen 1995 und 2014 um 10 %, während die inflationsbedingten, durchschnittlichen Preissteigerungen aller Güter bei 33 % lagen. Im Vereinigten Königreich sank der Preis für Kleidung sogar um 53 %, während man allgemeine Preissteigerungen von 49 % beobachten konnte. Eine Entwicklung, die nur durch die immer günstigere Produktion möglich ist, unter der Nachhaltigkeit wie Arbeitsbedingungen leiden.

Das Kölner Start-Up New Hand der Brüder Finnegan und Jonathan Bitsch möchte etwas an dieser Situation ändern. Seit Juli 2017 fungiert  das Unternehmen als Onlineshop für Modemarken mit jeweils weniger als zehn Mitarbeitern. Denn kleine Marken, die sich für eine gerechte und umweltbewusste Produktion von Kleidung einsetzen, gibt es mehr als man zunächst annimmt. Jedoch fällt es ihnen – wie auch in vielen anderen Branchen – oft schwer, neben den großen Konzernen Aufmerksamkeit zu erregen. Auch für den Konsumenten ist es oft schwierig, Produkte kleinerer Marken zu finden. Diese haben nur selten eigene Läden in den großen Einkaufsstraßen und in Kaufhäusern werden sie meist gar nicht angeboten. Der New Hand Shop bietet endlich die Möglichkeit, gebündelt Marken zu finden, die ökologische und soziale Standards erfüllen und bequem deren fair gehandelte Kleidung zu bestellen.

43 Marken hat der Onlineshop aktuell im Sortiment. Allesamt Unternehmen, die Wert auf umweltfreundliche Produktion legen. So müssen die Textilien der verschiedenen Hersteller, um den Standards von New Hand zu entsprechen, zu mindestens 70 % aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. Außerdem müssen das Fairtrade-Siegel und das Siegel der Fair Wear Foundation für menschenwürdige Arbeitsbedingungen vorhanden sein, damit der New Hand Shop die jeweiligen Produkte anbieten kann. „Viele große Marken haben inzwischen eigene Siegel, um Gebühren zu entgehen und eigene Standards festzulegen. Das macht es schwierig für Kunden, den Überblick zu behalten, welche Standards wirklich authentisch sind“, sagt der Co-Gründer Finnegan Bitsch auf Nachfrage; „Bei New Hand sind die Siegel von unabhängigen Organisationen“. So kann man auf der Seite der Kölner die unterschiedlichen Siegel anklicken, um zu sehen, welche Produkte unter den jeweils angegebenen Standards entstanden sind. 

„Am Anfang lag der Fokus eher auf der Größe der Marken, doch schnell wurde uns klar, dass wir die Chance haben, soziale Standards und Umweltschutz ebenso zu fördern“, so der Geschäftsführer. Man habe sich daher vor einigen Monaten entschlossen, nur noch Marken in das Sortiment aufzunehmen, die alle drei Siegel tragen. Die wenigen Marken aus der Anfangszeit, denen noch ein Siegel fehlt, sollen in Zukunft unterstützt werden, dieses zu erlangen. Der New Hand Shop bietet also die Möglichkeit, gute Qualität ohne viel Aufwand zu finden und mit dem Kauf kleine Marken mit eigenem Stil zu fördern, ohne dabei menschenunwürdige Arbeitsbedingungen oder die unnötige Belastung der Umwelt durch konventionelle Produktionsverfahren zu unterstützen.

Aktuell ist der Onlineshop noch ein vor allem idealistisches Unterfangen, hier geht es mehr um ethische Beweggründe als um finanzielle. Bis der New Hand-Shop für seine Gründer eines Tages lukrativ wird, dauert es – aber das sieht Finnegan Bitsch nicht als Problem: „Aktuell werden noch alle Gewinne sofort reinvestiert. Es ist aber auch ein Herzensprojekt, an das wir glauben und das uns Spaß macht, ohne damit reich zu werden“.

Den Shop findet ihr hier.