Lesezeit: 5 Minuten

Eben besuchte ich Instagram und bekam einen Schreck. Als ich die App öffnete, wurde ich überrollt von Pärchenbildern. Und zwar ausschließlich von Bildern, die oberflächlich glücklich aussehende Mann-und-Frau-Paare zeigten. Die Hashtags unter den romantischen Bildunterschriften lauteten #youandmeforever, #mrright, #loveyoumorethananything. Einige wenige #loveyourself-Bilder und Geschichten zu #beyourownvalentine waren auch dabei – aber dafür, dass ich online einer (wie ich immer glaubte) ziemlich diversen Mischung von Persönlichkeiten, sexuellen Orientierungen und Beziehungsformen folge, war ich erstaunt über die Menge unhinterfragter, konformer Hetero-Normativität zum Tag der Liebenden. Leider scheint diese nicht-repräsentative Instagram-Blase ganz treffend unsere gesellschaftliche Situation abzubilden, in der viele Beziehungsformen noch immer als Tabu-Thema behandelt werden. Wie wenig homosexuelle und diverse andere Paare in der Öffentlichkeit präsent sind, bemerke ich auch im Alltag immer wieder. Aber heute bei Instagram wurde mir die Problematik von Normen, die Abweichende in die Unsichtbarkeit drängen, noch einmal ganz bewusst.

Nirgendwo in meinem Feed feierten zwei Frauen, zwei Männer, mehr als zwei Menschen oder anderweitige Beziehungsmodelle ihre Liebe. Nirgends Anzeichen für nicht rein heterosexuelle und – zumindest dem äußeren Anschein nach – klassisch monogame Varianten. Nirgends die Wertschätzung platonischer Liebe, geschwisterlicher Verbundenheit oder einfach irgendwelcher Alternativen zur traditionellen, hetero-normativen Zweierbeziehung. Mir fällt immer mehr auf, dass sich das durch unsere Gesellschaft zieht. Fast alle außerhalb des Standards bleiben unsichtbar.

Aber ist Liebe denn nicht überall?

Ich war noch nie ein Fan des Valentinstags, muss ich zugeben. Ich habe einfach nicht verstehen können, warum ich ausgerechnet an diesem Tag Rosen bekommen sollte und Pralinen in kitschiger Herzform. Bekommen, nicht verschenken, wohlgemerkt – denn ich bin ja eine Frau. Klar. Ebenso wie ich den Muttertag nicht verstehe (denn ich kann doch meiner Mutter jederzeit sagen, wie toll ich sie finde?), ist mir der 14. Februar ein Rätsel. Er erscheint mir als ein von der Blumenlobby und den Vertreter*innen der Romantische-Kitschgeschenke-Branche festgesetztes Mittel zu dem Zweck, den Konsum von Artikeln anzukurbeln, die sich an 364 Tagen im Jahr nicht so gut verkaufen. Diese haben allzu häufig keinen praktischen oder ästhetischen Nutzen, sie fallen unter die Kategorie der Staubfänger und sollen nicht mehr als eine Metapher für eine eigentlich rein emotionale Botschaft sein. Ein verzweifelter Versuch, ‚durch die Blume‘ zu sagen, was eine Person einem bedeutet.

Oft gibt es dann zusätzlich zu opulenten Geschenken und riesigen Sträußen noch den obligatorischen Social-Media-Post: Ganz so, als habe nur Bestand, was vor Zeug*innen dargelegt wurde. Sind diese einfach nur eine Masse wildfremder Instagram-Abonnent*innen? Egal. Hauptsache Öffentlichkeit. Um nicht missverstanden zu werden: Was genau mir da eben bei Instagram so bitter aufgestoßen ist, ist nicht das Phänomen der öffentlichen Liebeserklärung per se. Meiner Meinung nach dürfen Menschen zu jeder Zeit publik machen, was sie fühlen. Es ist schlimm, Emotionen und Bedürfnisse verstecken zu müssen.

Aber ich würde mir eine längst überfällige Entwicklung unserer Gesellschaft wünschen, sodass ALLE zeigen können, wen oder wie oder ob sie überhaupt lieben. Unabhängig von Geschlecht und damit verbundenen Rollenerwartungen. Ohne Angst vor Verurteilung, Ausgrenzung, Shitstorms, Slutshaming oder dem Abweichen von der offenbar immer noch sehr verbreiteten Norm des Liebens und Begehrens. Leider hat aber das inflationäre Teilen traditioneller Frau-und-Mann-Fotos den Effekt, dass veraltete Klischees am Leben erhalten werden. Andersliebende fallen aus dem Raster. Genauso auch Singles, denn der Valentinstag ist nun einmal für Pärchen erfunden worden. Dass man auch ohne feste*n Partner*in durchaus lieben kann, bleibt hier außen vor. Knallhart wird Liebe Personen ohne Partner*in einfach aberkannt. Sie bleiben in der Unsichtbarkeit oder fühlen sich manchmal sogar abgewertet, als Mensch, dem ‚die zweite Hälfte‘ fehlt. Dass man ohne Beziehung glücklich und erfüllt sein kann, wird in einer Gesellschaft, die sehr auf Fortpflanzung und stabile Partnerschaftsbindungen bedacht ist, kurzerhand ignoriert.

Schubladen öffnen

Wenn wir uns von standardisierten Hetero-Selbstdarstellungen ein bisschen wegbewegen könnten, hin zur Unterstützung nicht normkonformer Paare oder auch Einzelpersonen, dann bekämen wir alle vielleicht endlich einmal mehr Lebens- und Beziehungsrealitäten von LGBTIQ*Menschen zu Gesicht. Wir würden mehr über alternative Beziehungskonzepte erfahren, über offene Beziehungen, über Dreiecksbeziehungen und all die großen Unbekannten dazwischen. Über Menschen, die gar nicht in Schubladen passen (wollen). Wir würden unseren immer noch so beschränkten Horizont erweitern. Uns an einer ungeahnt großen, sehr bunten Vielfalt erfreuen können, Neues (kennen)lernen und uns in Toleranz und Offenheit uns selbst, unseren Partner*innen und anderen gegenüber üben. Wir würden die Grundsteine für einen selbstbestimmten und selbstbewussten Umgang mit Liebe legen; ganz ohne Verschluss vor der Gesellschaft. Denn das ist es, was für viele gleichzeitig schade und bedrückend ist: Noch immer finden Beziehungen großteils im Verborgenen, im Privaten statt. Darüber, wie wir lieben, reden wir aus Angst vor Abwertung und Unverständnis kaum. Und Verständnis wächst nun einmal nicht einfach so von selbst aus trockenem Boden. Es muss erst einmal Aufklärung gepflanzt werden. Diese muss dann ausdauernd gegossen werden mit offener, wertfreier Kommunikation und gedüngt mit einem breiten Spektrum von Informationen über Möglichkeiten und Varianten zwischenmenschlicher Verbindungen. Wir müssen reden. Mutig sein, über unsere Schatten springen. Andere ermutigen. Anstatt klein zu machen und einzuschüchtern sollten wir uns gegenseitig unterstützen und stärken. Anders kann unsere Gesellschaft sich nicht zeitgemäß weiterentwickeln, was Beziehungen angeht.

Vielleicht könnten wir dann anfangen aufzuhören, alles – gerade Zwischenmenschliches! – in Schubladenkategorien sortieren zu wollen. Das haben wir vielleicht als Kinder so gelernt und erst einmal übernommen, ohne zu hinterfragen. Aber auf Dauer funktioniert Schubladendenken einfach nicht. Menschen und ihre Beziehungen sind zu groß, zu veränderlich und besitzen zu viele Dimensionen, um in Schubladen zu passen. Unabhängig davon, ob es um einen Menschen, zwei oder mehr geht.