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 Im Rautenstrauch-Joest-Museum für Kulturen der Welt läuft noch bis zum 24. Februar 2019 die Sonderausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“. Gezeigt werden die Produktionsbedingungen der schnelllebigen Modeindustrie. Ihr gegenüber gestellt werden traditionelle Stoffe und Verarbeitungen. Doch die hohen Preise machen faire Mode zur Klassenfrage.

Bluse: 0,29 Euro. Sweater: 0,09 Euro. Beim Betreten des „Fast Fashion“-Teils der Ausstellung, die vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg entwickelt wurde, springen den Besucher*innen diese Zahlen förmlich entgegen. Eine Litfaßsäule mitten im Ausstellungsraum präsentiert „Werbeplakate“ der Modeindustrie. Neben den Produktions-Preisen sind Bilder junger Frauen abgebildet. Frauen, die die Kleidungsstücke von Cent-Wert für einen Mini-Lohn nähen müssen, um ihre Kinder zu ernähren. Nur – das lässt sich ganz gut ausblenden, wo Schnäppchen schlagen doch so viele Glückshormone ausschüttet. Die persönliche Erfüllung durch Massenkonsum wird vorgeführt an den Videos zweier You-Tuber. Auf einem Bildschirm präsentieren sie ihre Einkäufe. Aus riesigen Papiertüten ziehen sie immer weitere Kleidungsstücke hervor. Mehr als einmal fällt dabei der Satz: „Ich hatte schon ganz vergessen, dass ich das gekauft habe.“ Ein Sinnbild unserer Gesellschaft – kauft doch jeder Deutsche im Schnitt fünf Kleidungsstücke pro Monat. Rund 40% unseres Kleiderschrankinhaltes tragen wir sehr selten – oder nie. Kleider werden zu Wegwerfartikeln. Der Ausstellungsteil zur „Fast Fashion“ zeigt die Konsequenzen dieses Produktionswahnsinns eindrücklich auf: zum einen die Folgen für die Natur, zum anderen die Folgen für die Menschen, die unsere Kleidung herstellen.

Fast Fashion: Eine Bedrohung für Natur und Mensch

Auf großen Fotografien sehen die Zuschauer*innen purpurne Flüsse, gefärbt von dem Chemieabfluss aus den Kleidungsfabriken. Millionen von Menschen in Ländern wie Indien oder Bangladesch wird dadurch der Zugang zu sauberem Trinkwasser verwehrt. Apropos Wasser: rechts neben den Fotografien steht eine große, gläserne Wand. Darauf abgebildet sind diverse Grafiken, die für den/die Betrachter*in leider schwer zu durchschauen sind. Deutlich wird jedoch, wie viel Wasser für die Produktion von Baumwolle verbraucht wird. In einem einzelnen T-Shirt stecken bis zu 2000 Liter Wasser. Gerne hätte man diese Fakten anschaulicher dem Konsumwahn in den Videos direkt gegenübergestellt gesehen. 

Beobachtet man den Zuschauer*innenfluss durch die Ausstellung, so bleiben die meisten Leute vor sechs bestimmten Bildern stehen. Sie zeigen die furchtbaren Folgen des Einsturzes der Kleidungsfabrik Rana Plaza 2013 in Bangladesch. Mehr als 1100 Arbeiter*innen mussten dabei ihr Leben lassen. Die Bilder zeigen die Dinge, vor denen die Konsument*innen gerne die Augen verschließen: Leichen inmitten des zerstörten Gebäudes, verletzte Arbeiter*innen, die Proteste der Angehörigen. Der internationale Aufschrei war groß – verändert hat sich seither wenig. Das zeigen auch die persönlichen Geschichten vieler Textilarbeiter*innen, die in Videos gezeigt werden. Persönliche Geschichten und Bilder gibt es viele in der Ausstellung. Und das aus gutem Grund: sie erzählt prinzipiell nichts Neues. Die meisten Menschen sind sich beim Kauf von Kleidung, die weniger kostet als eine Kinokarte oder ein Eisbecher, darüber bewusst, dass diese unter schlechten Bedingungen für die Arbeiter*innen und die Natur entstanden ist – und das nicht erst seit Rana Plaza. Die Individualisierung der großen Masse an Arbeiter*innen in der Textilindustrie macht das Leid der Menschen erfahrbarer, schockiert mehr. Und lässt die Besucher*innen sowohl wütend, als auch ratlos zurück, denn – wie soll man es besser machen? 

Faire Mode wird zur Klassenfrage

Die Erwartungen an den „Slow Fashion“-Teil der Ausstellung, kuratiert vom Rautenstrauch-Joest-Museum, sind dementsprechend groß. Nachdem den Besucher*innen gezeigt worden ist, wie verwerflich der Konsum von Fast Fashion ist, hofft man auf Antworten. Diese kann der Ausstellungsteil jedoch nicht geben. Im „Slow Fashion Lab“ sind traditionelle, nachhaltige Textiltechniken aus verschiedenen Kulturen der Welt ausgestellt, als Gegenbewegung zur Globalisierung. Statt billig produzierte Mode aus Entwicklungsländern zu importieren, wird Wert auf lokale und zeitintensive Verfahren gelegt. Beispielhafte Kleidungsstücke sind hinter Vitrinen oder auf Kleiderpuppen ausgestellt. Die langsame Verarbeitung von Stickereien oder Stoffen ermöglicht zwar eine interessante Sichtweise auf andere Kulturen – doch liefert den deutschen Konsument*innen keine Alternative für ihren Kleidungskauf. Im Museumsshop gibt es einige Artikel aus der traditionellen Verarbeitung zu kaufen – für Preise teils weit über 200 Euro. Faire Mode zu kaufen wird damit auch zur Klassenfrage. Für Bekleidung und Schuhe sind im Arbeitslosengeld II Regelsatz monatlich 36,45 Euro vorgesehen – und das ist nur der Extremfall. Für einen Großteil der Bevölkerung ist fair produzierte Mode schlicht zu teuer. 

Die beiden Ausstellungsteile fügen sich damit nicht wirklich harmonisch zusammen. Zu politisch, zu aufrüttelnd ist die Hälfte zur „Fast Fashion“ – zu zurückgenommen, zu beschränkt auf einzelne Kulturen ist das „Slow Fashion Lab“. Einzig der Tisch in der Mitte, gestaltet von einer Klasse der Kölner Friedensschule, gibt nützliche Tipps in Form eines Flyers für einen nachhaltigeren Kleiderschrank an die Hand. Ein paar Broschüren liegen aus zu Läden in Köln, die nachhaltige Mode anbieten oder ein Tauschsystem organisieren, wie die „Kleiderei“ in Ehrenfeld. Das Rautenstrauch-Joest-Museum verpasst damit eine Gelegenheit, lokale Anlaufstellen stärker mit einzubinden und dadurch realistische Möglichkeiten des bewussten Kleiderkaufes zu präsentieren. Die Besucher*innen verlassen das Museum daher unbefriedigt: der Missstand ist aufgezeigt – doch eine Alternative zur Fast Fashion konnte die Ausstellung nicht präsentieren.