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 Der Grünenpolitiker und Bundesvorsitzende seiner Partei, Robert Habeck, hat sich – wie angekündigt – aus den sozialen Medien Twitter und Facebook zurückgezogen. Ein Grund dafür sei, so Habeck, der raue Ton voller „Hass, Böswilligkeit und Hetze“, in dem Diskussionen – vor allem auf Twitter – geführt würden. Dieser Ton habe manches Mal auf ihn abgefärbt, ihn „aggressiver, lauter und polemischer“ formulieren lassen. Das und in letzter Konsequenz der Leak von privaten Facebook-Gesprächen waren für Habeck Anlass, sich online zukünftig zurückzunehmen.

Ein starkes Eingeständnis und ein vermeintlich riskanter Schritt für den Berufspolitiker mit Regierungsambitionen. Schließlich gibt Habeck einen Kommunikationskanal auf, in den er nach Herzenslust flüstern, schreien, schimpfen und appellieren konnte, ohne von irgendeiner Nachrichtenredaktion auf vermeintliche Quintessenzen zusammengedampft zu werden. Eine One-Man-Show ohne Zensor. Glücksfall und Fettnäpfchen zugleich für den One Man. Er kann sich direkt, einfach und schnell äußern – und genauso schnell und ohne Not einen Shitstorm heraufbeschwören.

Bis jetzt. Denn jetzt, nach dem Datenleak, gibt sich Habeck reflektiert, mahnt an, dass ihm in der schnelllebigen Online-Welt oft der Raum gefehlt habe, um über Aktion und (adäquate verbale) Reaktion nachzudenken. Stopp. Was? 

Ein erwachsener, gebildeter, eloquenter Mensch, von dem viele einiges halten, kapituliert vor Unbekannten im Netz und entzieht sich dem dortigen Diskurs. Man könnte fragen: Wie sollte Habeck mit den Trumps und Bolsonaros unserer Welt fertig werden?

Man könnte das fragen. Sollte man aber nicht viel eher fragen: Welche Funktion erfüllen soziale Medien im politischen Diskurs überhaupt? Ist diese Funktion entscheidend am Gelingen der demokratischen Idee beteiligt? Und, wenn nein, ist Robert Habeck dann vielleicht der Vorreiter des Rückschritts? Des Rückschritts aus einem Schein-Diskurs, in dem es schon lange nicht mehr darum geht, Argumente auszutauschen und einander zu überzeugen.

Wird Habeck über diesen digitalen Rücktritt stolpern? Verbaut er sich seine politische Zukunft mit dem Festhalten an der Vergangenheit? Sicher scheint nur: Ein Rückzug aus den sozialen Netzwerken bedeutet für ihn: weniger Raum für verbale Fehltritte, niedrigerer Blutdruck und mehr Zeit für anderes.

Im Gegenzug wird er damit leben müssen, als „Gestriger“ abgestempelt zu werden. Er wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass jeder mit der Zeit gehe, der nicht mit der Zeit gehe. Für manche wird Habeck der 49-Jährige ohne Medienkompetenz bleiben, der für das Internet zu grün hinter den Ohren war. 

Schwindende Popularität wird er – zumindest deswegen – wohl nicht erfahren. Zu groß ist seine Bühne, als dass er sich Sorgen machen müsste, zukünftig nicht mehr wahrgenommen, überhört zu werden. Unbekanntere Politiker*innen würde dieser Verzicht viel eher treffen, können sie doch mit einem pointierten, gewissenhaften Online-Auftritt Leser*innen und nicht zuletzt Wähler*innen gewinnen.

Trotzdem, wer meint, politischer Aufstieg und öffentliche Debatte seien ohne die sozialen Medien nicht mehr denkbar, der glorifiziert eine Diskussionskultur, die der sachlichen, kompromissbereiten Diskussion von Mensch zu Mensch, von face to face statt face to screen, oftmals den Riegel vorschiebt.