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Psychische Erkrankungen finden im Kopf statt und sind für Außenstehende unsichtbar. Ihr Ursprung ist meist rätselhaft, sie kommen scheinbar aus dem Nichts und oft in unerwarteten Augenblicken. Genau wie ebenjene Krankheiten halten sich aber auch gesellschaftliche Stigmata hartnäckig. Dabei können diese förmlich zu einer Art zweitem Leiden für Betroffene werden. Ein Kommentar

Angst und das Gefühl innerer Leere oder Antriebslosigkeit kennt wohl jede*r, bei immer mehr Menschen aber wandeln sich diese Gefühle ins Krankhafte: Panik- oder Schlafstörungen, Depressionen, selbstverletzendes Verhalten, Ess- oder Zwangsstörungen, Psychosen, Amnesien, Schizophrenie, bipolare Störungen, Substanzabhängigkeiten, posttraumatische Belastungsstörungen – die Liste der psychischen Krankheiten nach ICD-10 scheint kein Ende zu finden. Viele Nichtbetroffene (oder auch nur noch nicht Diagnostizierte) kennen die Unmengen von Fachtermini höchstens aus Filmen. Im Alltag werden sie selten damit konfrontiert, dass jemand psychisch erkrankt ist. Da jedoch laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde selbst im wohlständigen, sozialstaatlichen Deutschland knapp 30 Prozent der Erwachsenen von psychischer Krankheit betroffen sind, verwundert dies: Müssten nicht eigentlich in fast jeder Familie und in jedem Freundeskreis psychisch Kranke zu finden sein? Sollte das Thema der Kopf- und Seelenkrankheiten nicht längst viel bekannter und allgegenwärtiger sein?

Immerhin leiden in unserem Land rund 17,8 Millionen Menschen unter den oben erwähnten und zig weiteren psychischen Krankheiten, von denen aber pro Jahr nur weniger als ein Fünftel auf professionelle Hilfe zurückgreifen. Noch immer ist psychische Erkrankung auf geradezu paradoxe Weise eng verknüpft mit Scham- und Schuldgefühlen, mit Versteckspielen und Verbergungsmechanismen. Und das, obwohl psychische Erkrankungen aufgrund der von ihnen ausgehenden Gefahr wirklich ernst genommen werden sollten: So haben Erkrankte beispielsweise im Schnitt eine um zehn Jahre verkürzte Lebenserwartung verglichen mit der Gesamtbevölkerung. Auch im beruflichen Umfeld spielt diese Art der Krankheit eine große, zumeist aber mit Scham maskierte Rolle: Sie ist die zweithäufigste Ursache für Fehltage im Job und sogar die häufigste für Frühverrentung. Trotz dieser Tatsachen spricht im beruflichen Umfeld erfahrungsgemäß nur äußerst selten jemand über diesen Grund für Fehlzeiten. Im Gespräch mit Kolleg*innen eine Mittelohrentzündung als Begründung für die Krankschreibung anzugeben, bringt auf jeden Fall weniger neugierige, ungläubige oder gar verächtliche Fragen mit sich als das Outing einer Depression. Psychische Krankheiten sind auch heute noch stark mit Schwäche konnotiert, mit dem Verdacht auf Hypochondrie und mit Überempfindlichkeit. Sie gelten mancher Meinung nach als Luxus, den man sich nur erlauben kann, wenn man keine ‚ernsteren‘ Probleme hat.

Aber nicht nur im Beruf oder Studium existieren Hürden, die durch Stigmatisierung erzeugt werden: Auch Familienmitglieder und Freund*innen bringen manchmal wenig Verständnis auf und begreifen oft nicht, wie schwer eine psychische Erkrankung wiegt. Eine Krebskranke wird vermutlich höchst selten gefragt, was sie als Grund für ihren Tumor vermutet. Einem Tuberkulosepatienten zu sagen, er solle den Kopf nicht hängen lassen, es hätte schließlich auch schlimmer kommen können, kann man als makaber bezeichnen. Ebenso wird einer AIDS-Kranken nicht zum Schweigen geraten, weil ständiges Reden über ihr Problem ja auch nichts helfe. Warum also werden diese Fragen Depressiven, Panikpatienten und anderen psychisch Kranken täglich gestellt, sobald sie sich als solche outen?

Die Welt braucht dringend mehr Aufklärung über Krankheiten, die von außen nicht sichtbar sind. Matt Haig vergleicht in seinem sehr empfehlenswerten Buch `Reasons to stay alive‘ die Symptome von Depression mit dem unerträglichen Gefühl eines in Flammen stehenden Kopfes, der für die Umwelt nicht sichtbar ist. Stigmata, Vorurteile und die daraus resultierende Diskriminierung und Abwertung wirken wie Öl in dem metaphorischen Feuer, unter dem die Betroffenen auch so schon genug leiden – manchmal sogar in einem solchen Ausmaß, dass ein Suizid als letzte Möglichkeit gesehen wird, um den Höllenqualen zu entkommen. 

Jeder Mensch, der sich außerhalb des betroffenen Kopfes befindet – also tatsächlich jede*r außer den Betroffenen selbst – kann das Ausmaß des Leidens nicht im Ansatz erahnen. Das sollte man sich als Gesunde*r vor Augen rufen, bevor über die Berechtigung des Leids Kranker geurteilt wird. Die Selbstverständlichkeit, mit der Erkrankungen in ‚echte‘ (da messbare) organische und vermeintlich eingebildete (da oft nicht durch standardisierte Tests nachvollziehbare) Krankheiten psychischer Art eingeteilt werden, ist höchst bedenklich. 

Depression ist keine Befindlichkeit. Panik ist kein Hobby. Psychische Krankheiten sind ganz einfach nichts, das Betroffene sich aus Langeweile zulegen oder sogar ausdenken, sie sind qualvoll und hässlich, vor allem aber sind sie ernst zu nehmen. Sie können außerordentlich brutal sein und erschweren Patient*innen das Leben ungemein. Ohne gesellschaftliche Abwertung und die damit einhergehende Diskriminierung wird diese Last zwar nicht unmittelbar leichter, aber sie gewinnt zumindest nicht noch an zusätzlichem Gewicht.