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In dem Dokumentarfilm #Female Pleasure begibt sich die Schweizer Regisseurin Barbara Miller auf eine Reise um die Welt und trifft dabei auf fünf unterschiedliche Frauen – fünf Lebenswirklichkeiten, fünf Geschichten und ein globales Problem. 

Es ist das ewige Lied: Hätte Eva nicht den Apfel genommen (was will man erwarten vom schwachen Geschlecht), wäre Adam gar nicht erst in Versuchung geraten von der verbotenen Frucht zu kosten. Die Frau als Urbild von Sünde und Verderben, von Lust und Laster – rollenspezifische Zuschreibungen à la Altes Testament. Längst überholt sollte man meinen, möchte man hoffen – aber unbequeme Debatten wie #metoo, frauenfeindliche Haltungen (besten Dank an Trump und Bolsonaro), sexistische Werbung, Abtreibungsverbote, ebenso wie Ehrenmord und Gruppenvergewaltigungen wie zuletzt in Freiburg, zeichnen eine immer noch patriarchal gelenkte Gegenwart. Auch, wenn Diskurse um gendergerechte Sprache oder die altbekannte Frauenquote den Eindruck von baldiger Gleichberechtigung suggerieren wollen, erscheint das Jahr 2018 im globalen Kontext weiterhin unter dem Stern von Bestrafung, Unterdrückung und Erniedrigung. Stellvertretend für unzählige Frauen, gelingt es Barbara Miller eine weibliche Lebenswirklichkeit zu skizzieren, die sich gegen sexistisch-patriarchale Klischees und religiös-fanatisches Gedankengut behaupten muss. 

Da ist beispielsweise die Londonerin Leyla Husseini, die als Kind selbst Opfer der  Genitalverstümmelung wurde und sich mittlerweile als Aktivistin gegen den gewaltsamen Ritus engagiert und aufklärt. Mit eindrücklicher Stimme berichtet die gebürtige Somalierin von dem brutalen Akt der Beschneidung, führt die drei Schritte der Verstümmelung während eines Seminars an einer überdimensionalen Vulva aus Knete vor. Zurück bleibt eine entweiblichte Frau mit körperlichen und seelischen Schäden – eine von 200 Millionen Frauen, die weltweit betroffen sind. Ein Ritual, das die weibliche Sexualität ebenso wie die weibliche Lust kontrolliert – eine Beschneidung des Frauseins und der eigenen Freiheit. 

Auch die japanische Künstlerin Rokudenashiko, eine weitere Protagonistin des Films, ist mit dem Problem der Unterdrückung und Freiheitsberaubung konfrontiert. Aufgrund eines 3D-Scans ihrer Vulva, dessen Daten sie im Netz zur Verfügung gestellt hat, wurde sie 2014 verhaftet und musste sich vor Gericht verantworten. Wohlgemerkt: Für ihren gesellschaftskritischen Manga, in dem Kinder vergewaltigt werden, wurde sie nicht belangt. Die Vagina gilt in Japan als obszön, gleichzeitig boomt die Porno- und Sexspielzeugindustrie. Ein Paradoxon, welches sich nicht lösen lässt, weil es auf einem Prinzip der Missachtung von Weiblichkeit fußt. Umso skurriler wirken in dem Zusammenhang die Bilder einer schintoistischen Fruchtbarkeitsfeier, die Barbara Miller ebenso ausführlich filmt wie die unzähligen Teilnehmer*innen, die an einem pinken Penis-Lolli lutschen. Warum auch nicht? Es ist ja schließlich ein Fest zur Huldigung des männlichen Geschlechtsorgans.

Immer wieder verhandelt der Film Fragen nach weiblicher Identität, nach Befreiung, nach Autonomie. Drei Begriffe, die in der Welt der Religionen nicht beheimatet zu sein scheinen. Deborah Feldman, Autorin des Buches „Unorthodox“, wächst in einem chassidischen Viertel in New York auf. Eine abgegrenzte, ultraorthodoxe Religionsgemeinschaft, in der eine Emanzipation der Frau nicht vorgesehen ist. Zwangsheirat und Kinderaustragung als zentrale Inhalte weiblichen Lebens, so beschreibt Feldman ihre Jugend, ihr Dasein als Frau. Die einzig wirksame Auflösung dieser gesellschaftlichen Ketten: Der Ausbruch aus der Gemeinde, der jedes Mal von großer Hetze und Erniedrigung begleitet wird. Es bedarf Mut, um aus bestehenden Mustern auszubrechen, sich gegen die eigene Familie und gegen jahrelange Unterdrückung zu stellen. 

Vithika Yadav, eine Menschenrechtlerin aus Indien kämpft gegen ähnliche Probleme: Gegen den Willen ihrer Familie, hat sie sich ihren Mann selbst ausgesucht. Das indische Kastensystem allerdings kennt das Konzept der Liebe nicht, ebenso wenig wie das Konzept der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft – alles Erfindungen des Westens, so ein hoher Geistlicher im Film. Kein Wunder, dass sich Frauen in einem Land, wo es für Liebe keinen Platz zu geben scheint, und die Geburt einer Tochter immer noch als Bürde wahrgenommen wird, nicht als autonome, gleichberechtigte Individuen bewegen können. Gruppenvergewaltigungen und sexuelle Belästigungen stehen in Indien auf der Tagesordnung – an der Frau wird sich bedient, so einfach ist das. Und auch in christlichen Kreisen lässt sich dieses Phänomen beobachten, wenn die deutsche Protagonistin Doris Wagner von ihren Vergewaltigungen im Kloster berichtet. Da werden lange Unterröcke getragen, um die männlichen Brüder nicht in Versuchung zu bringen, da werden der Frau ihre Sünden vergeben, wenn sie Opfer sexueller Gewalt wurde. Ein Hoch auf christliche Nächstenliebe, auf die auch Frauen bauen können.

Mit einem ungeschönten Blick auf die Realität hält Barbara Miller mit der Kamera auf das, was weh tut. Sie zeigt nicht nur, wie im Namen der Religion Frauen unterdrückt und missbraucht werden, sondern auch, dass hinter diesen Strukturen immer noch männerdominierende Denkmuster und Gesellschaften stehen, in der die Frau keine Rolle als ebenbürtiges Pendant bekleidet, sondern Lustobjekt, Mutter, Unterdrückte bleibt. Der Film #Female Pleasure konfrontiert uns zwar nicht mit neuen Erkenntnissen, aber das muss er auch gar nicht. Schließlich reden wir im Jahr 2018 immer noch über die weltweite Unterdrückung von Frauen und eine fehlende Gleichberechtigung. Wenn sich die Erkenntnisse nicht ändern, dann müssen endlich die Stimmen lauter werden.