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 In diesem Jahr tagte der Rat für deutsche Rechtschreibung erstmalig zu dem Thema der geschlechtergerechten Sprache. Regelmäßig lösen Gender-Debatten Shitstorms aus: Die Sprache werde verhunzt, man müsse eher die gesellschaftlichen Probleme der Geschlechterungleichheit angehen, als auf der Sprache herumzureiten. Doch genau hier liegt das Problem: Sprache konstituiert Wirklichkeit. Deshalb ist eine geschlechtergerechte Sprache längst überfällig. Ein Kommentar

Auftakttreffen der Redaktion von „Die Soziale Lage“. Das Design wird besprochen, Arbeitsabläufe, mögliche Themen. Angeregt wird diskutiert. Bis ich frage, wie wir denn eigentlich gendern wollen. Daraufhin erstmal kurzes, betretenes Schweigen unter einigen der männlichen Kollegen. Ob das denn unbedingt sein müsse, fragt einer, und wenn wie überhaupt, da kann man es ja keinem recht machen, sagt ein anderer - was denn da gerade gängig ist, weiß eigentlich niemand. Ich mache meinen Standpunkt zum Gender-Sternchen deutlich, betone, dass wir alle Leser*innen mit unserer Sprache integrieren müssen. Am Ende kommt eine wenig enthusiastische Zustimmung von den anderen, es wird jetzt so gemacht, „weil man es halt so machen muss“.
Selbst unter weltoffenen Studierenden ist das Gendern noch unliebsam. Doch warum löst geschlechtergerechte Sprache bei so vielen Menschen Unbehagen aus?

Argument Nummer eins ist bei vielen Gegner*innen des Genderns oftmals, dass dadurch der Lesefluss gestört werde und die verschiedenen Formen wie Sternchen, Unterstrich oder Binnen-I unästhetisch seien. Die deutsche Sprache habe sich seit Jahrhunderten so bewährt und man könne nicht einfach durch eine Reform von oben den Menschen eine neue Verwendung aufzwängen. Der Anspruch an die „schöne Sprache“ irritiert mich. Im Gegensatz zu einem literarischen Text muss ein wissenschaftlicher, behördlicher oder auch journalistischer Text nicht vordergründig durch wohligen Klang bestechen. Im Mittelpunkt steht die Information. Weiterhin ist die deutsche Grammatik kein Naturphänomen, wie gerne impliziert wird, sie ist historisch-gesellschaftlich gewachsen. Die deutsche Sprache unterliegt ständigen Veränderungen. Dass wir etwas als gegeben akzeptieren, liegt daran, dass wir daran gewöhnt sind. Auch Rechtschreibreformen werden regelmäßig diskutiert, bis sie mit der Zeit alltäglich werden. So wird es auch mit geschlechtergerechter Sprache sein – sollte sie endlich zur Selbstverständlichkeit werden. In der Schweiz beispielsweise wird seit Jahren auf eine geschlechtergerechte Sprache Wert gelegt, große Debatten darüber sind kaum noch zu vernehmen. 

Das zweite Argument vieler Gender-Gegner*innen ist, dass eine Veränderung in der Sprache ja nicht das „eigentliche“ Problem angehe, nämlich die strukturellen Ungleichheiten der Geschlechter in der Gesellschaft, wie den Gender Pay Gap. Doch die gesellschaftlichen Probleme sind unmöglich von den sprachlichen Konstitutionen zu trennen: Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sondern reproduziert sie auch. Wenn konsequent im generischen Maskulinum gesprochen wird, werden Frauen und Trans*-Menschen nicht repräsentiert, sie werden unsichtbar. Zu gendern würde auch bedeuten, Haltung zu zeigen in einer gesellschaftlichen Debatte – doch genau davor scheuen sich viele. Sprache spielt mit unseren Erwartungshaltungen. Wird in einem Text von „den Politikern“ gesprochen – denkt sich dann wirklich jede*r auch weibliche Politikerinnen mit? Oder manifestiert der Ausdruck nicht weitergehend das vorherrschende Bild von einem männerdominierten Berufsfeld? Gerade für Kinder und Jugendliche ist es essenziell, Klischees und Vorurteile nicht weiter durch die Sprache zu reproduzieren. Deshalb ist eine geschlechtergerechte Sprache im öffentlichen Raum und in der Bildung besonders wichtig.

Dass Sprache Rücksicht auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen muss, hat sich schon an anderen Stellen gezeigt. Im Hinblick auf Hautfarben, Herkunft, körperliche oder psychische Einschränkungen ist es heutzutage beinahe selbstverständlich, dass bestimmte Begrifflichkeiten vermieden werden und eine adäquate, faire und menschenwürdige Sprache benutzt wird. Warum wird Frauen und Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen wollen/lassen, dieser Umgang verweigert? Das Bundesverfassungsgericht fordert ein drittes Geschlecht im Geburtenregister. Doch in den Sprachgebrauch will diese Bevölkerungsgruppe fast niemand integrieren. Die Leiterin der Duden-Redaktion, Kathrin Kunzel-Razum, befürwortet das Gender-Sternchen und führt die Emotionalität in der Debatte über geschlechtergerechte Sprache in einem Spiegel-Interview auf eine fundamentale Verunsicherung zurück. Für Männer gehe es darum, Macht abzugeben, doch auch in der breiten Gesellschaft ist ein Umdenken erforderlich. Dass eine gendergerechte Sprache sich von unten nach oben – also von der gesellschaftlichen Veränderung bis hin zu einer offiziellen Reform – verändert, ist hingegen eine romantisierte Vorstellung. Auch die freiwillige Frauenquote in Unternehmen funktioniert nicht. Manchmal muss ein Impuls von oben (hier vom Duden/dem Rat der deutschen Rechtschreibung) gesetzt werden, um ein Umdenken anzuregen und zu fördern.

Der Rat der deutschen Rechtschreibung hat seine Entscheidung über das Gendern vertagt und möchte zunächst weiter die Debatte beobachten. Festgestellt hat der Rat jedoch ein „Recht der Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, auf angemessene sprachliche Bezeichnung“. Dieses Recht muss schnellstmöglich umgesetzt werden. Um alle Menschen in der Sprache abzubilden, Klischees nicht zu manifestieren und Haltung zu zeigen in einer gesellschaftlichen Debatte.

Wer sich unsicher ist, wie er/sie angemessen gendern kann, findet Anregungen im Leitfaden des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz  oder auf www.geschicktgendern.de.