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Nach Unmengen an Gegenwind, Kritik und Anfeindungen aus dem linken bis konservativen Spektrum sitzt die AfD nun in allen deutschen Landtagen. Inhaltliche Kritik konnte der AfD ebenso wenig schaden wie die zahlreichen „Wählt! Aber nicht die AfD“-Tweets. Die politische Debatte müsste die Ursachen der Unzufriedenheit in den Fokus rücken, doch stattdessen konzentriert sie sich zu stark auf die Folgen. Ein Kommentar

Jeder, der es schafft, potenzielle AfD-Wähler in seinem Bekanntenkreis davon abzubringen, diese Partei zu wählen, tut etwas Wichtiges gegen Rechts. Fraglich ist dies jedoch, wenn sich Akteure der linksliberalen, grünen Filterblase in den sozialen Medien seit Jahren fast ausschließlich darauf konzentrieren, die AfD als Nazipartei zu bezeichnen, die man nicht wählen dürfe. Wahre Worte ohne Wirkung. Der Effekt dieses andauernden Erzürnens über die AfD ist ein gegenseitiges, moralisches „auf die Schulter klopfen“, jedoch kaum eine Schwächung der Partei.

Die AfD ist die Folge jahrelanger CDU-Regierung, größtenteils in Koalition mit der SPD (mehr auf der Sozialen Lage: "Die soziale Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland unter Bundeskanzlerin Angela Merkel"). Die Energie, welche für diverse Anfeindungen gegenüber AfD-Politikern aufgebracht wird, könnte von der öffentlichen Debatte ebenso gut für die Aufarbeitung von Fehlern vorheriger Regierungen verwendet werden. -Ursachenbekämpfung, auch, wenn es weh tut, anstatt rudimentäre Bestandsaufnahme. Denn eine Ursache für rechtspopulistischen Nährboden zu ergründen wäre der erste Schritt, um Fehler zu erkennen und sie im besten Falle zu beheben. Nicht gemeint ist damit die Flüchtlingspolitik im Jahre 2016, die durch ständige Thematisierung durch die Leitmedien und „Volksparteien“ die AfD erst zu der Gefahr machte, die sie heute ist. 

Gemeint sind soziale Missstände, die sich in Deutschland verschärft haben und dafür sorgten, dass die SPD zahlreiche Wähler an die AfD verlor. Gemeint ist außerdem das häufige Signalisieren, es gäbe keine Globalisierungsverlierer. Eine These, die auch aus dem linken Spektrum häufig zu hören ist. Die Schere zwischen Arm und Reich, die extremen Einkommens- und Vermögensunterschiede liegen doch als Unzufriedenheitsfaktoren auf der Hand und könnten von Medien ebenso wie von politischen Influencern in Form von Vermögens- und Erbsteuer, von einer Kritik an dem deutschen Niedriglohnsektor und an einer Politik der schwarzen Null viel stärker die Debatte bestimmen. Damit würde man der AfD ihre große Bühne entziehen und zugleich das Servieren von AfD-stärkenden Themen verhindern. Dass „Rechte“ ihre vermeintlich einfachen Lösungen erfolgreich präsentieren können, setzt schließlich eine Situation voraus, in der nach solchen Lösungen gesucht wird.


Die scheinbare Angst vor Ursachenforschung und Kritik an Vorgängerregierungen ist kein deutsches Problem. Weltweit sollte man viel stärker die Ursachen hinterfragen. Ist Erdogan eventuell in der Türkei so beliebt, weil man ihr den EU-Eintritt verwehrte, als dieser möglich gewesen wäre? Wählt Italien eine rechte, EU-kritische Regierung, weil man jahrelange Hilferufe angesichts der Fluchtkrise innerhalb der EU völlig unzureichend behandelt hat? Wählen die USA, trotz des Gegenwindes und seiner populistischen, oft menschenverachtenden Art Donald Trump, weil ihm die Demokraten mit Hilary Clinton nur ein „weiter so wie unter Obama“ entgegenstellten, welches viele Amerikaner nicht mehr erreicht? 

Die politischen Akteure würden deutlich mehr Weitsicht und Verstand zeigen, wenn sie sich viel stärker auf soziale Unterschiede in der Welt und in den Ländern fokussieren und weniger Energie darauf verwenden würden, die Folgen oft ergebnislos zu bekämpfen. Am Ende wird ihnen die moralische Überlegenheit nicht mehr weiterhelfen.